Machen wir es kurz: Die Niederlande werden in diesem Jahr Fußball-Weltmeister. Das sagt zumindest der deutsche Ökonom Joachim Klement voraus. Und er muss es wissen. Mit seinem Prognosemodell tippte er die vergangenen drei Weltmeister (Deutschland, Frankreich, Argentinien) korrekt. Das sorgt für viele Schlagzeilen. In seine Berechnungen fließen mehrere sportliche und wirtschaftliche Faktoren ein, die dann ein Gesamtbild abgeben. Diesmal glänzt es orange.
Bevor alle Oranje-Fans aber schon in Jubelstürme ausbrechen: Eigentlich wollte der Wissenschaftler mit seinem Modell nachweisen, wie absurd Vorhersagen in der Regel sind. Blöd nur, dass es dann drei Mal in Folge doch klappte. "Ich war etwas überrascht, als mein Modell und die Simulationen ergaben, dass die Niederlande gewinnen würden", erklärte Klement bei SBS News seinen aktuellen Tipp. Vor allem weil die Simulation einen schwierigen Weg im Turnier vorhersagte. Dazu gleich mehr.
Zum Sportlichen: Nun ist Oranje nicht der allergrößte Titelfavorit, im erweiterten Kreis sollte man sie aber dennoch einsortieren. Auch wenn die großen Stars inzwischen fehlen. Das sieht auch Spielmacher Frenkie de Jong vom FC Barcelona so. "Wir sind nicht der Top-Favorit, aber wir können Weltmeister werden."
ntv.de-Experte Arie van Lent berichtet von einer hoffnungsvollen Stimmung in seinem Heimatland. "Die Holländer glauben, dass der Kader stark genug ist, um Großes zu erreichen", sagte der ehemalige Bundesliga-Stürmer und ergänzt: "Sie haben einen Kader, mit sie gegen Top-Teams bestehen können."
Wie lief die Quali?
In der Qualifikationsgruppe mit Polen, Finnland, Malta und Litauen blieben die Niederlande ungeschlagen. Es gab insgesamt sechs Siege und zwei Unentschieden. Das reichte souverän für den ersten Platz und stabile 27 Tore bei lediglich 4 Gegentreffern. Nur gegen die Polen blieb das Team von Ronald Koeman sieglos. Die niederländische Offensive war die dritterfolgreichste der europäischen Quali-Gruppen. Als bester Torschütze knüpfte Memphis Depay (Corinthians) mit acht Treffern an alte Tage an und schwang sich nun zum Rekordtorschützen von Oranje auf (er löste damit Robin van Persie ab).
Ein Traumtor schockt die Niederlande

Wer sind die größten Stars?
Vom Namen her ist das ganz klar Abwehrhüne Virgil van Dijk. Der Kapitän ist der Anker in der niederländischen Verteidigung, zudem bei Standards auch in der Offensive sehr gefährlich. Seine Leistungen beim FC Liverpool schwankten zuletzt aber sehr. Auch auf ihn wird es ankommen, wie weit die Mannschaft im Turnier kommt.
Für offensive Furore sorgt Top-Torschütze Depay, der trotz längerer Verletzungspause dabei ist. In der Offensive stechen zudem der Liverpooler Cody Gakpo und Flügelspieler Tijjani Reijnders (Manchester City) heraus. Weil Depay aber zuletzt nicht richtig fit war, sieht Van Lent ein akutes Problem: "Wer macht die Tore?"
Infrage kommt hier zum Beispiel der pfeilschnelle Außenbahnspieler Donyell Malen (früher Borussia Dortmund, heute AS Rom), der zuletzt in der Spitze agieren musste, dabei aber nicht traf. Aus der Bundesliga bekannt ist auch der frühere Wolfsburg-Angreifer Wout Weghorst. Aus der Bundesliga bekannt ist auch der ehemalige Bayern-Spieler Ryan Gravenberch (FC Liverpool). Als aktuell einziger Bundesliga-Profi ist Keeper Mark Flekken von Bayer 04 Leverkusen dabei. Der muss möglicherweise den angeschlagenen Bart Verbruggen ersetzen, der sich in einem Testspiel an der Hüfte verletzte.
Wer fehlt?
Durchaus prominente Namen. Der ehemalige Leverkusener Jeremie Frimpong ist überraschend nicht für den Kader nominiert worden. Beim FC Liverpool kam er in der abgelaufenen Saison nach Verletzungsproblemen nicht mehr zu einem Stammplatz. Bei Testspielen im März stand er aber noch in der Elftal. An der Nichtnominierung des deutschen Doublesiegers gab es Kritik, sagt Arie van Lent. Koeman habe in diesen Dingen aber eine klare Ansage gemacht und erklärt: Frimpong passe nicht ins System. "Damit war das Thema auch erledigt. "
Verletzungsbedingt fehlen auch der offensive Freigeist Xavi Simons von RB Leipzig und der frühere Bayern-Verteidiger Mattijs de Ligt. Gerade der Ausfall von Simons wiegt schwer, in der Offensive kam dem 23-Jährigen eine Schlüsselposition zu. Kurz vor dem WM-Start fiel auch Verteidiger Jurrien Timber aus. Der Arsenal-Profi ist nach einer Leistenverletzung noch nicht ganz fit.
Da muss man wissen:
Die Niederlande sind zwar ehemaliger Europameister und standen schon dreimal in einem Endspiel einer WM-Endrunde, den WM-Titel aber haben sie noch nie gewonnen. Es bleibt der große unerfüllte Traum.
Trainer Ronald Koeman befindet sich seit 2023 in seiner zweiten Amtszeit. Schon von 2018 bis 2020 trainierte er das Team. Der Bondscoach hat dem Team das 4-3-3-System zurückgebracht. Dieses wird nun aber anders interpretiert als früher. Insbesondere gegen defensiv stehende Gegner ist die Niederlande damit erfolgreich gewesen.
Der Bondscoach werde mit viel Respekt behandelt, musste aber für die Spielweise "ein bisschen Kritik" einstecken, berichtet Van Lent, die vielen etwas "zu konservativ" ist. Die Elftal spiele zwar "defensiv stark", gehöre aber in der Offensive "nicht mehr zu Elite", so van Lent. "Im Ballbesitz sieht das oft statisch aus", sagt Van Lent. Dadurch seien Spontaneität und Kreativität vielleicht etwas verloren gegangen. Von der defensiveren Ausrichtung könnte das Team in einem Turnier aber durchaus profitieren. Und Koeman habe angekündigt, wieder mutiger spielen zu lassen.
Was ist drin?
Die Gruppe F mit Japan, Schweden und Tunesien ist nicht die allerleichteste, aber die Elf von Koeman geht als Favorit ins Rennen, auch wenn viele Japan als einen möglichen Geheimfavoriten ansehen. Das erste Duell gegen die Japaner am Sonntagabend (22 Uhr bei Magenta und im ntv.de-Liveticker) dürfte richtungsweisend sein. "Viele glauben, dass das Halbfinale drin ist. Da glaube ich insgeheim auch ein bisschen dran", verrät Van Lent.
Einen Dämpfer gab es vor der WM noch im Härtetest gegen Algerien (0:1). Nach dem Spiel gab es Pfiffe und Buhrufe, "die niederländische Nationalmannschaft besteigt mit hochroten Köpfen, aber glücklicherweise unverletzt, das Flugzeug nach Amerika", schrieb anschließend die Zeitung "De Telegraaf".
Trotzdem: Am Weiterkommen in die K.-o.-Runde zweifelt eigentlich keiner. Danach könnte es je nach Spielplanverlauf weit gehen – laut dem Prognosemodell von Ökonom Klement schlägt Oranje im Sechzehntelfinale Marokko, dann Kanada, Frankreich, Spanien und im Finale schlussendlich Portugal. Dafür muss man dann aber doch großer Optimist sein – oder eben Mathematiker.


