In Obercastrop war der Uber-Fahrer richtig in Rage. Dass die Türken ein Kandidat für das WM-Viertelfinale sind, das wollte er um Himmels willen nicht verstehen. Kein Stürmer, ein völlig überschätzter Superstar Kenan Yildiz und eine viel zu langsame Abwehr habe seine Nationalmannschaft. Die Vorrunde, ja, die würde man überstehen. Zweifel daran hatte er nicht. Hinter den USA sah er den richtigen Platz für die Türkei.
In Bochum-Gerthe war er sicher, dass Australien kein Stolperstein werden würde. In diesem Moment hatten den Uber-Nostradamus die prophetischen Kräfte verlassen. Wenig später ist die Türkei krachend in das WM-Turnier gestartet. Versucht hatten sie gegen die "Socceroos" alles, gelungen war ihnen wenig. Im offensiven Ertrag sogar nichts. Den 0:2-Schock muss die Mannschaft nun erstmal verarbeiten. "Es gibt keine Ausreden, wir hätten gewinnen müssen", sagte Verteidiger Merih Demiral zerknirscht. Demiral weiß: "Unsere Landsleute haben Erwartungen an uns. Jeder ist sich der Lage bewusst, aber es gibt gute und schlechte Tage."
Überraschung im australischen Tor
Einen richtig guten Tag hatte Australiens Keeper Patrick Beach. Dessen Popularität dürfte nach zahlreichen Paraden auch die Google-Hierarchie durcheinanderwürfeln. Denn bislang wird als erster Treffer ein Yoga-Lehrer ausgewiesen. Der 22 Jahre junge Torwart hatte überraschend den erfahrenen Matthew Ryan abgelöst. Und er warb mit diesem Spiel dafür, dass die Entscheidung seines Trainers Tony Popovic eine sehr kluge ist. "Die Socceroos", titelte der "Sydney Morning Herald" euphorisch, "starten mit einem Knall."
Australiens Torwart bringt Türken zur Verzweiflung

Seinen größten Moment hatte der junge Keeper nach 30 Minuten, als er einen Gewaltschuss von Abdülkerim Bardakci noch an den Pfosten lenkte. Auch der bemühte, aber gehemmt wirkende Real-Star Arda Güler und Kapitän Hakan Calhanoglu bekamen keinen Zutritt zur Beach-Party. So ging das Spiel bitter dahin. Der frühere Bayern-Profi Nestory Irankunda (27.) traf für die Australier. Der heute 20-Jährige galt als äußerst talentiert, doch über 15 Einsätze (4 Tore) in der zweiten Mannschaft des Rekordmeisters kam er nicht hinaus. Erst wurde er zu Grasshopper Zürich verliehen, vor einem Jahr dann an den englischen Zweitligisten FC Watford verkauft.
Die Türken rannten vergeblich an, wenngleich ohne gelernten Stürmer, wie schon vom UBER-Pilot kritisch angemerkt. Vorne versuchte sich Kerem Aktürkoğlu. Der Mann von Fenerbahce trägt zwar die 9, ist aber Linksaußen und kein Mittelstürmer. Nach der Pause machte auch mit dem angeschlagenen Starspieler Yildiz von Juventus Turin, in der abgelaufenen Saison an 21 Toren der Alten Dame beteiligt. Es nutzte nichts: In der 75. Minute lief Türkiye in den entscheidenden Konter, den Connor Metcalfe abschloss. Kapitän Calhanoglu konnte und wollte gar nicht begreifen, wie es zu diesem Ende kommen konnte: "Das war ein Ergebnis, mit dem niemand gerechnet hatte. Sie erzielen zwei Tore mit zwei langen Bällen! Sie spielen einfach nur Konterfußball. Wir kassieren unnötige Gegentore." Manchmal, so befand der Kapitän, tue ein Rückschlag aber auch gut, "um wieder auf die Beine zu kommen. Jeder muss besser und disziplinierter spielen".
Alle Australier stehen im Weg
Sein Trainer war dagegen durchaus angetan vor Leistung des Gegners: Die Australier, sagte Vincenzo Montella, hätten halt "sehr gut verteidigt und ein starkes Spiel gemacht". Recht hatte der Italiener, dass seine Mannschaft gegen dieses einfache Stilmittel aber kaum ein Durchkommen fand, gehörte ebenso zur bitteren Wahrheit. Mit bis zu neun Mann verschanzten sich die Australier phasenweise im eigenen Strafraum. Da war gar kein Platz. In Schussversuche des Gegners warfen sie sich als Kollektiv.
Australien - Türkei 2:0 (1:0)
Tore: 1:0 Nestory Irankunda (27.), 2:0 Connor Metcalfe (75.)
Australien: Beach - Circati, Italiano (74. Geria), Souttar, Burgess, O'Neill, Bos (84. Behich) - Okon (84. Irvine), Metcalfe, Irankunda (61. Velupillay), Touré (74. Yengi). - Trainer: Popovic
Türkei: Cakir - Celik (81. Müldür), Demiral, Bardakci, Kadioglu - Güler, Çalhanoglu - Kökcü (62. Akgün), Yüksek (81. Özcan), Yilmaz (46. Yildiz) - Aktürkoglu (85. Gül). - Trainer: Montella
Schiedsrichter: Jesus Valenzuela (Venezuela)
Zuschauer: 52.497
Gelbe Karten: Yunus Akgün
Für die gigantische Euphorie bei den Türken ist das ein herber Dämpfer. Für Ex-Nationalspieler Halil Altintop ist dieses Schwarzweiß der Emotionen womöglich ein Teil des Problems. "Wir verlieren uns schnell in der Euphorie, auch durch unsere Kultur", sagte der langjährige Bundesligastürmer bei MagentaTV. "Die Mannschaft hat extrem viel Qualität, sie hat Erwartungen geweckt." Kerem Aktürkoglu bat entsprechend um Entschuldigung: "Liebe Fans, bitte verzeiht uns. Wir sind früh aufgestanden, um euch einen Sieg zu schenken, aber es hat nicht geklappt. Wir werden alles daransetzen, die anderen Spiele zu gewinnen."
Für die Türkei war es nach 1954 und 2002 im dritten Auftaktspiel einer Fußball-WM die dritte Niederlage. Kleiner Funfact: Bislang wurde der Auftaktgegner der Türken immer später Weltmeister. Erst die Deutschen, dann die Brasilianer. Die Geschichte wird sich doch nicht ... Im nächsten Vorrundenspiel gegen Paraguay am Samstag (5 Uhr, MagentaTV und im Liveticker bei ntv.de), das die Fans wieder zu nachtschlafender Zeit aus den Betten zwingt, ist der Druck bereits immens. Doch noch lebt in der Mannschaft natürlich die Hoffnung auf die K.-o.-Phase. "Wir haben noch Zeit, um das zu erreichen, was wir erreichen wollen", sagte Montella.



