Verzerrtes Spiel

Die Trinkpausen-Plage gehört sofort abgeschafft

imageEin Kommentar von Roland Peters, New York
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Deutschland gegen Curacao in Houston. Eine Trinkpause im klimatisierten Stadion. Wozu? (Foto: IMAGO/Anadolu Agency)
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18.06.2026 | 09:27 Uhr
Zwei zusätzliche Unterbrechungen pro WM-Partie, zum Schutz der Spieler, auch in klimatisierten Stadien. Doch die Pausen vertreiben die Magie des Fußballs. Will uns die FIFA eigentlich verarschen?

In den Vereinigten Staaten veranstaltet der allseits geliebte Weltfußballverband FIFA derzeit ganz selbstlos eine Basketball-WM! Zumindest der neuen verpflichtenden Aufspaltung der Partien in vier Viertel nach zu urteilen. Die folgt der Logik des US-Sports: eine Pause von 15 Minuten in der Mitte, jeweils eine dreiminütige in erster und zweiter Hälfte. Das Zwischenfazit dazu nach dem komplettierten ersten Spieltag der Gruppenphase lautet: Sie sind eine Plage, die das Spiel zerstückelt, seine Dynamik verändert und die nominell schwächeren Mannschaften benachteiligt. Sie gehören sofort wieder abgeschafft.

Ja, die Spieler sollten geschützt werden. Ja, Trinkpausen werden von Ärzten empfohlen. Die Argumente sind ausgetauscht und teilweise nachvollziehbar und richtig. Aber sie in den drei klimatisierten Stadien und allgemein ungeachtet der tatsächlichen Temperaturen durchzuführen, enttarnt die Regel als kapitalistischen Turbo der Geldmaschine Fußball-WM. Und ja, schon 2014 in Brasilien durften Schiedsrichter die Unterbrechungen ab einem bestimmten Hitzestress-Risiko anordnen. Das einzige Mal nutzte dies der Referee des Achtelfinales zwischen den Niederlanden und Mexiko. In Fortaleza herrschten tropische 39 Grad. Kein Stadion in Brasilien war klimatisiert.

Doch zwölf Jahre später macht die FIFA ihr Premiumprodukt mit den regulären Zusatzpausen noch mehr zum "Event", lässt die Werbeeinnahmen sprudeln, treibt eine Technologisierung und Entmachtung der Spieler und Mannschaften voran. Der Fußball, so war zuletzt zu lesen, habe laut Analysten in den Vereinigten Staaten Baseball an Rang drei der populärsten Sportarten abgelöst, mit über 60 Millionen Fans. Aber machen wir uns nichts vor: Die Faszination der restlichen Welt für den Fußball hat nicht die USA erobert und verändert. Sondern andersrum.

Etwas geschieht mit dem Spiel

Das frühere Einsingen der Fanblocks und ihrer Duelle vor dem Anpfiff im Stadion sind schon lange Geschichte, weil alles mit Musik und Werbung zugedröhnt wird. Dann kam die VAR-Spielflusszerstückelung dazu, jetzt sind es die Trinkpausen. Wohin soll das führen? Verpflichtende Zitronentee-Pause bei sechs Grad Nieselregen? Oder erst bei minus 1 Grad, denn der Torwart könnte sich ja eine Lungenentzündung holen? Obligatorische Massage-Unterbrechungen, um das Risiko der Muskelverletzungen zu reduzieren? Jeder darf wegen möglicher Gehirnschäden nur zehn Mal pro Partie köpfen? Nein. Fußballer sind Sportprofis, deren Körper auf Extreme trainiert sind.

Aus Fan-Sicht sind die Trinkpausen noch größerer Murks. In drei Minuten schafft es niemand auf die überfüllte Stadiontoilette und zurück, und um sich vielleicht selbst ein Getränk zu holen, schon gar nicht. Die Leute bei der WM versuchen es trotzdem, dünnen die Ränge aus und ruinieren damit ebenfalls die Stimmung. Immer wenn der Ball nicht rollt, beschallen die Stadien die Besucher mit ohrenbetäubenden Klängen. Fachsimpeln fällt deshalb größtenteils flach. Für die Fernsehzuschauer sieht es da etwas besser aus, sie können den zusätzlichen Werbeblock auf stumm schalten und kurz ins Bad gehen. Bei der Partie Panama gegen Ghana ging es in der 2. Halbzeit einfach nur rasant hin und her, die Fans waren frenetisch, ein Fest für die Fußballseele - doch der Unparteiische unterbrach für drei Minuten. Bei 19 Grad und Dauerregen. Das Publikum in Toronto pfiff.

Etwas passiert mit dem Spiel an sich, für alle. Die Intensität des Erlebnisses, der Fokus und das Mitfühlen der Spieldynamik bei den Zuschauern gehen verloren; auch der Rhythmus einer Mannschaft auf dem Platz. Ein Team, das sich gemeinsam defensiv oder offensiv in einen Rausch spielt, gerade geschafft hat, den Gegner auseinanderzudividieren; sich psychologisch Stück für Stück einen Vorteil erarbeitet; den überlegenen Gegner zermürbt - all das fällt mit dem Pfiff des Schiedsrichters in sich zusammen. Jede Partie hat eine gewisse Dramatik. Die Trainer grätschen nun mit ihren Tablets und Daten dazwischen, sortieren neu, schicken ein berechnendes Team zurück ans Werk.

Die Großen werden bevorteilt

Bei den Deutschen um Bundestrainer Julian Nagelsmann hat das super funktioniert, sonst wäre die Partie gegen den Fußballzwerg Curacao womöglich nicht mit 3:1 in die Halbzeit gegangen. Österreichs Trainer Ralf Rangnick sagte, er könne die Spieler "von außen kaum erreichen", deshalb ist ihm die Trinkpause wichtig. Aber Herr Rangnick, genau das ist ja der Punkt: Eine gut zusammengesetzte Mannschaft sollte keinen Dauerdompteur brauchen. Sondern sich zur Not selbst organisieren können. Doch so ist der Überraschungseffekt eines nominell unterlegenen Teams viel schneller dahin, die Großen werden bevorteilt.

Das Bild ist aus der Bundesliga bekannt: Einer sitzt als Beobachter auf der Tribüne, ein anderer mit Headset auf der Bank. Ein Gegentor fällt, der erste Blick des Cheftrainers geht auf die Wiederholung, dann die Beratung des Analysten, Emotion, Auge und Intuition wirken optional. Nun können sie diese Erkenntnisse auf Datenbasis garantiert doppelt so schnell aufs Spielfeld übertragen. Wer Berechenbarkeit im Sport möchte und eine feste Unterteilung der Fußballwelt, der mag all das nicht schlecht oder gut finden.

Aber die Magie eines rasanten oder umkämpften oder sogar rumpeligen Spiels, des offenen Visiers und Schlagabtauschs bis zum letzten Schweißtropfen, sie geht durch jede weitere Unterbrechung ein weiteres Stück verloren. Noch mehr, als es jetzt schon durch die VAR-Eingriffe der Fall ist: die Unsicherheit beim Torjubel, beim vermeintlich gehaltenen Elfmeter, die minutenlange Bildschirm- und Beschwerde-Dramen - es könnte ja sein, dass der VAR wegen meines Rumgeheules nachguckt und dem Schiri einen Hinweis gibt! Der Unterschied: Das mag am Ende sportlich fairer sein. Die allgemein verordneten Trinkpausen sind es nicht - und deshalb nicht im Sinne des Fußballs. Sondern der Tablet-Trainer und Vermarkter.

Verwendete Quelle: ntv.de